Was ein einzelner Drache alles erreichen kann!!
Es war einmal ein kleiner grüner Drachen, Sie hieß Fantasia. Fantasia war ein ausgesprochen lieber Drachen, und genau das war Ihr Problem. Sie lebte nämlich in einer ganz normalen Drachenfamilie, mit Vater, Mutter und zwei Geschwistern. Und normale Drachen sind nun einmal nicht lieb, so sagte ihm sein Vater jeden Tag. "Drachen müssen Feuer speien", sagte der Drachenvater. "Jawohl, und dunkle, Furcht erregende Wolken dabei ausstoßen", sagte die Drachenmutter. "Aber warum denn bloß?", fragte Fantasia. "Weil das nun einmal so ist im Drachenland", antworteten ihm die Dracheneltern, "und daran müssen sich alle Drachen halten". "Aber seht Ihr denn nicht, dass die ganze Welt schon ganz dunkel und verrußt ist von all dem Feuer und Rauch, die Ihr ausstoßt?", wunderte sich Fantasia. "Na und?", erwiderte der Drachenvater, "so muss die Welt aussehen!" "Genau, so muss die Welt der Drachen aussehen", pflichtete ihm die Drachenmutter bei. Fantasia konnte das nicht verstehen, aber weil Sie ein lieber kleiner Drachen war, wollte Sie seinen Eltern gerne eine Freude machen und so übte Sie fleißig, Feuer zu speien. Aber es wollte ihr nicht gelingen. Bei jedem Versuch kamen nur kleine goldene Wölkchen aus seinem Maul. Die sahen viel schöner aus als das Feuer und der Rauch, den die anderen Drachen ausstießen, das fand zumindest Fantasia. Aber seine Geschwister lachten ihn aus. "Der spinnt", sagten sie zueinander. Und die Dracheneltern waren sehr unzufrieden mit ihm. "Was soll aus diesem Kind nur werden?", so fragten sie sich immer wieder.
Und auch die Spielgefährten wollten nichts mehr von Fantasia wissen. Sie fanden Sie komisch, wenn Sie seine kleinen goldenen Wölkchen vor sich her pustete. Und wenn Sie versuchte, die Zähne zu fletschen, wurde nur ein freundliches Lächeln daraus. "Hat man so etwas schon gesehen, ein Drache der lächelt!", tuschelten sie, "und mit seinen albernen goldenen Rauchwölkchen verdirbt Sie uns die ganze schöne, schwarze Drachenwelt. Mit Ihr wollen wir nicht mehr spielen."
So wurde die arme Fantasia immer einsamer und verzweifelter. Und eines Tages hielt Sie es zu Hause einfach nicht mehr aus und beschloss, wegzulaufen. Ja, Sie wollte ganz alleine in die große, weite Welt hinausziehen. Vielleicht wurde aus ihr dann doch noch ein richtiger, böser, Feuer speiender Drachen. Oder, so hoffte Sie im Stillen, vielleicht traf er ja andere Drachen, die auch lieb waren und die Sie mochten, so, wie Sie war. Auf jeden Fall wollte Sie keine Außenseitererin mehr sein, denn Drachen brauchen die Gesellschaft anderer Drachen, das lag nun mal in ihrer Natur. So packte Sie denn sein Ränzlein und marschierte los.
Auf Ihrem Weg traf Sie viele andere Drachen, aber die waren alle böse. Sie speiten Feuer und stießen dabei dunkle, Furcht erregende Rauchwolken aus. Und da Drachen keine Außenseiter mögen, denn sie sind ja gesellig, versuchten sie, Fantasia das Bösesein beizubringen. Fantasia mühte sich rechtschaffen, aber immer, wenn Sie versuchte, böse zu sein, brachte Sie nur goldene Wölkchen zustande. So kam es, dass Sie überall weggejagt wurde, denn Drachen mögen nun einmal keine lieben Drachen.
So wanderte Fantasia immer weiter von Ort zu Ort. Aber nie konnte Sie lange bleiben, denn niemand hielt es lange mit diesem merkwürdigen, lieben Drachen aus. So beschloss Sie denn eines Tages, in den Wald zu ziehen und sich dort eine einsame Höhle zu suchen, wo Sie in Ruhe und Frieden leben konnte, denn inzwischen hatte Sie gar keine Lust mehr auf die Gesellschaft der anderen Drachen. War Sie denn wirklich die einzige im ganzen Drachenland, die sah wie viel schöner die Welt hätte sein können, wenn alle statt Rauch und Feuer nur goldene Wölkchen ausgespieen hätten? Sicher wäre die Welt statt schwarz und rußig zu sein dann ganz vergoldet. Und das wäre doch viel schöner als all die Schwärze ringsum, oder etwa nicht?
Fantasia musste lange laufen, denn der Weg in den Wald war sehr, sehr weit, und so kam es denn, dass Sie müde wurde und ihr die Füße weht taten. So setzte Sie sich auf einen großen Stein am Straßenrand, um sich auszuruhen. Und wie Sie da so saß, überkam ihr doch wieder die Einsamkeit und vor lauter Kummer rollten ihr große, dicke Drachentränen über die Wangen. Fantasia war ganz versunken in Ihrem Weltschmerz, am liebsten wäre Sie auf der Stelle mausetot umgefallen.
Und wie Sie da so saß und weinte, nahm Sie plötzlich ein strahlendes Licht wahr, das Sie umgab. Und als Sie aufblickte, sah Sie einen wunderschönen Engel mit goldenen Haaren und einer Krone aus funkelnden Sternen auf dem Haupt, der direkt vor ihr stand. "Warum weinst Du denn, kleiner Drachen?", fragte ihr der Engel freundlich. "Ich weine, weil ich ein lieber Drachen bin", schniefte Fantasia. "Nanu, das verstehe ich aber nicht, wunderte sich der Engel, man weint doch nicht, weil man lieb ist!" Und so erzählte Fantasia dem Engel seine Geschichte. Als der kleine Drachen geendet hatte, war der Engel ganz still und nachdenklich geworden. "Nun, Fantasia", meinte er nach einer Weile, "ich kann die Welt der Drachen leider nicht verändern. Das könnten nur die Drachen selbst tun. Aber ich will Dir zum Trost meine Flügel schenken." Und der Engel nahm seine Flügel ab und befestigte sie an Fantasia's Rücken. Da wurde es Fantasia auf einmal ganz feierlich zumute. "Danke, lieber Engel!", jubelte Sie. "Das ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe". "Erweise Dich Deiner Flügel allzeit würdig.", sprach der Engel ernst und entschwand. Fantasia aber probierte sogleich seine neuen Flügel aus voller Freude drüber, dass Sie nun fliegen konnte wie ein Engel.
Mit der Zeit geschah es nun, dass den anderen Drachen auch Flügel wuchsen, aber keiner außer Fantasia wusste, dass ihre Flügel von den Engeln stammten, weil Drachen nämlich in Wirklichkeit verzauberte Engel waren, die nur das Fliegen wieder lernen mussten.
Fantasia wurde durch dieses Wissen, das Sie als einzige von allen Drachen besaß, ganz selbstbewusst. Und wenn Sie fortan seine goldenen Wölkchen vor sich her pustete, wagte es niemand mehr, Sie auszulachen. Und nach und nach merkten auch die anderen Drachen, dass die Welt viel schöner war, wenn man sie mit Gold statt mit Schmutz überzog. Und sie baten Fantasia, ihnen beizubringen, Goldwölkchen statt Rauch und Feuer auszustoßen. Fantasia freute sich über das Interesse der anderen Drachen, und da Sie ein lieber Drachen war, übte Sie jeden Tag mit Ihren Kameraden und trug ihnen ihr früheres Verhalten nicht nach.
Und so geschah es, dass das Drachenland im Laufe der Zeit richtig schön wurde, nur weil ein einzelner kleiner Drachen daran geglaubt hatte.